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Perspektiven der Krahl-Forschung- eröffnet am Beispiel der bisher unveröffentlichten Exzerpte zu Jean Pauls "Titan"

(Beitrag des Hans-Jürgen-Krahl-Instituts auf der Abendveranstaltung zum Gedenken an Hans-Jürgen Krahl im Theodor-Lessing-Saal der VHS Hannover am 27.6.2007)

Sehr geehrte Anwesende,

anhand eines zufällig ausgewählten Teils der schon transkribierten bisher noch unveröffentlichten Texte Krahls aus dem Fundus des Verlags Neue Kritik, dem der sieben handschriftlichen Seiten umfassenden Exzerpte aus Jean Pauls Titan und aus dessen Levana, möchte ich an dieser Stelle einen kurzen Ausblick auf das geben, was die Arbeit eines Krahl-Archivs für eine vertiefende Rezeption des Krahlschen Werkes bedeuten kann, auch in Hinblick auf das Verständnis des bereits veröffentlichten Teils seines Nachlasses.

Diese Exzerpte entstanden im Umfeld der Arbeit Krahls an einem Jean Paul gewidmeten Band der Reihe "Text + Kritik". Der Herausgeber Heinz Ludwig Arnold hatte um Krahls Mitarbeit dafür bereits 1965 geworben, als beide zusammen in Göttingen Literaturwissenschaften studierten. Der Band erschien später nicht wie geplant Dezember 1966, sondern erst 1970 ohne Hinweis auf Krahls Mitwirken an dessen Zustandekommen und vor allem ohne einen von Krahl konzipierten Beitrag über die Problematik des Verhältnisses von Pädagogik und Ästhetik bei Jean Paul. Arnold vermutete, von mir vor nur wenigen Tagen dazu befragt: "Seine Interessen waren wohl dann ganz anders gelagert."
Interessant ist, dass dieses unvollendete Projekt Krahls gleichsam als Scharnier einer Lebensperiode angesehen werden kann, in der seine literarischen Ambitionen zu einem politischen Engagement in der beginnenden Studentenbewegung übergingen. Der Göttinger Literatur- und Philosophiestudent ging Ende 1965 nach Frankfurt, um bei Theodor W. Adorno Soziologie zu studieren. Dazu, ob Hans-Jürgen Krahl zu diesem Zeitpunkt bereits Mitglied des SDS war oder er es erst später in Frankfurt wurde, gibt es bisher widersprüchliche Angaben:
Eine Mitschülerin Krahls im Alfelder Gymnasium gibt an, Krahl hätte bereits in Göttingen vor der Mensa Flugblätter des SDS verteilt und sie auf einer Busfahrt zu agitieren versucht. Michael Baethge meinte in einem Telefonat mir gegenüber, Krahl sei schon in Göttingen Mitglied des SDS geworden. Helmut Reinicke dagegen behauptet in "Wanderlust II", er wäre zusammen mit Hans-Jürgen Krahl erst in Frankfurt dem SDS beigetreten. Was wir wissen, ist, dass Krahl für die Göttinger Studenten- und spätere syndikalistische Zeitung "Politikon" Artikel verfasst hat zu der Zeit, als Michael Baethge dort Chefredakteur war.

Die politische Konversion Krahls zum sozialistischen Studenten vollzog sich zumindest in theoretischer Hinsicht, das kann an den bisher transkribierten Texten und den darin enthaltenen Kontinuitäten zu späteren Auffassungen Krahls belegt werden, maßgeblich im Medium seiner Rezeption der adornitischen Ästhetik. Inwieweit die Wahl Jean Pauls zum Gegenstand einer literatur-soziologischen Untersuchung durch Krahls jugendliche Begeisterung für romantische Literatur und sein auch später von einigen bezeugtes Kokettieren mit seiner angeblichen Verwandtschaft mit Georg Friedrich Freiherr von Hardenberg beeinflusst war, kann hier nicht entschieden werden. In dem von Krahl in einem Brief an Arnold als "ausgezeichnet" angesprochenen Artikel "Musivisches Vexierstroh" von dem Adorno-Schüler Peter von Haselberg, den Krahl im übrigen auch für einen Beitrag zum "Text + Kritik" Band zu gewinnen suchte, finden sich aber dessen ungeachtet genügend Hinweise darauf, was Krahl an Jean Paul zu dieser Zeit interessiert haben dürfte. Jean Paul hätte, so heißt es da, unter anderem "Verzicht auf die autonome Subjektivität" geübt, sich "gegen das verdinglichende Herrschaftsprinzip des Verstands" empört, aber auch einen "Zweifel an der Wahrheit von Tätigwerden" gehegt. Lauter Motive, denen im Zusammenhang mit Krahls damaliger Aneignung von Adornos ästhetischer Theorie eine eindringliche Relevanz zukommt.

Um die von mir ausgewählte Stelle aus den Exzerpten in Krahls intellektuelle Entwicklung einordnen zu können, habe ich inhaltlich und in ihrer Entstehung zeitlich verwandte Passagen aus "Konstitution und Klassenkampf", aber auch weitere bisher unveröffentlichte Notizen zu Rate gezogen. Ich kann den sich mir daraufhin in Ausschnitten eröffnenden Konnex im Rahmen eines auf fünfzehn Minuten angesetzten Vortrages nur andeuten, nicht erläutern und keinesfalls mit einer wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Zitation belegen. Das muss der regulären Arbeit im Archiv-Verein vorbehalten bleiben. Mir kommt es hier darauf an, meinen vielleicht kontroversen Eindruck vom inhaltlichen Reichtum des noch unerschlossenen Materials zu vermitteln.

Krahl hat das "Zentrum materialistischer Ästhetik" dahingehend bestimmt, dass eine Konvergenz oder Analogie von Warenform und ästhetischen Gebilden konstatiert werden kann. Die Philosophie verhält sich zur Ästhetik wie der Tauschwert zum Gebrauchswert. Die Philosophie wird aus der Abstraktion von der Sinnlichkeit der Gebrauchsgegenstände gewonnen und erhält sich in ihrer Reflexivbestimmung zur Ästhetik, die, weit entfernt die Sinnlichkeit der ursprünglichen Gebrauchsgegenstände zu sein, vielmehr der sinnliche Schein der Abstraktion ist, in dem sich letztere darstellt. Die so bestimmte Gebrauchswertseite der Ästhetik trägt aber nach Krahl einen Widerspruch in sich, welcher der Tauschwertseite Philosophie fremd ist. Sie bleibt der Sinnlichkeit, obschon sie dieselbe durch ihre Formbestimmung aus der Reflexivität zur Abstraktion zurichtet und deformiert, dennoch notwendig verhaftet. Die Genese der Abstraktion im Sinnlichen kann, anders als in der Philosophie, wo die Spuren der Genese der Abstraktion in der Bewegung ihres Sich-geltend-Machens verwischt werden, nicht leichthin geleugnet werden.

In der Phase der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, wo das Kapitalverhältnis sich selbst überlebt hat, also in einen Gegensatz zu seinen eigenen Voraussetzungen getreten ist, wo die Aufhebung des Privateigentums auf dem Boden des Privateigentums zur vorherrschenden Form der Produktionsverhältnisse geworden ist, schlägt die frühbürgerliche revolutionäre Philosophie, deren höchster Ausdruck die Hegelsche Begriffslogik ist, in ihr Gegenteil um. Die spätbürgerliche Philosophie ist nach Krahl ästhetische Theorie. Diese Dekadenz weist aber eine, dem Wesen der Ästhetik, wie ich es eben Krahl nachgesprochen habe, entsprechende Widersprüchlichkeit auf. Sie widerspricht der philosophischen Logik der gewaltsamen Identifizierung des Anderen zum bloß reflexivbestimmt Nicht-Identischen und Krahl, der Hegel als den Produktionslogiker des Kapitals begreift, macht keinen Hehl daraus, die dieser Logik zu Grunde liegende reale Wertabstraktion repressiv zu nennen, aber - und das ist die andere Seite spätbürgerlicher Ästhetik - ihre imperialistische Seite, da die repressive Abstraktion unveräußerlich zu ihrem Wesen gehört, kann sie nur den Schein des Sinnlichen als Wahrheit ausgeben. Die zynische Verabsolutierung des Scheins ist der Kern des dekadenten Ästhetizismus.

Für Krahl teilt die ästhetische Theorie Adornos, auch wenn er sie der spätbürgerlichen Philosophie zuschlägt, die beschriebene Ambiguität der letzteren ausdrücklich nicht. Ihr vehementer Widerspruch gilt wohl der repressiven Logik instrumenteller Vernunft, aber sie verweigert sich mit gleichem Nachdruck ihrer Vereinnahmung durch den Ästhetizismus. Sie hält sogar, wenn auch verhalten an dem Wunsch nach einer Vernunft fest, für die Identität nicht das letzte Wort ist. Ich habe soeben versucht den Kontext der Krahlschen Anmerkungen, wie er sich mir in einer ersten Schau darbot, wiederzugeben. Hier also nun der besprochene Auszug:

"die Analogie - Konstituens des Ästhetischen - verabsolutiert sich. Das Inkommensurable in seiner individuellen Unwiederholbarkeit gleichwohl kommensurabel zu machen - ebenso paradoxes wie dialektisches Unterfangen des Romans - spitzt sich in der absoluten Analogie zu, die sich selbst aufhebt. Das Dasein wird zur totalen Metapher; wo alles Gleichnis ist, löst sich das Dasein, jeglicher Infinitiv in den wuchernden Kunstcharakter auf, damit seine Inkommensurabilität erwiesen wird. Zum geschichtsphilosophischen Gehalt des Jean Paulschen oeuvres gehört, daß das nicht identische Dasein vom Assoziationsmeer der ästhetischen Analogie, der Kontemplation, eingeholt und überholt wird von der Theorie, den sich im Roman ästhetisch reflektierenden Analogien Die sich poetischen Vollzug reflektierende Kunst - der ästhetische Schein wird als solcher sich wesenslogisch bewußt und verabsolutiert sich gleichwohl (das entspricht dem Begriff der Hegelschen Logik¸ es siegt die absolute Methode des Romanciers) Doch zum substantiellen Kern der verabsolutierten Metapher gehört, daß die inkommensurable in der kontemplativen Analogie nicht aufgehende Faktizität der handfesten Dinge wieder zur Erscheinung kommt. Nur der Begriff vermag sich von den Erfahrungsgehalten, denen er seine, wenngleich nicht induktionslogisch, beschreibbare Genesis verdankt, so zu lösen, daß er als absolute Methode zum gewaltsam irrestiblen Usurpator der nichtidentischen gegenständlichen Wirklichkeit wird. Die ästhetische Analogie bleibt - wie imaginativ auch immer- derart an die auf Materie verwiesene Sinnlichkeit, Medium von Genuß und inhaltlicher Anschauung, verwiesen, daß sie von konkreten Dingen nicht loskommt, - diese erscheinen als Phantastik - oft grotesk deformiert bei Jean Paul wieder." (Fragment von Krahl: Jean Paul/ Titan, S.8f.)

Die Analogie von kritischer Theorie und Frühromantik hat Jochen Hörisch eindrucksvoll herausgearbeitet, ihre Besonderung in dem Verhältnis von Adorno zu Jean Paul blieb dem bis heute unentdeckt gebliebenen Gespür Krahls vorbehalten.

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.